Niedersachsen – Europas Hub für grünen Wasserstoff

Beschluss der Landesdelegiertenkonferenz von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Niedersachsen am 13./14. April 2024 in Oldenburg

Ohne grünen Wasserstoff und seine Derivate keine Klimaneutralität! Etwa in der
Stahl- oder Chemieindustrie müssen Verfahren auf Wasserstoff umgestellt werden.
Reservekraftwerke, die heute noch mit fossilem Gas betrieben werden, werden in
Zukunft mit grünem Wasserstoff das erneuerbare Energiesystem absichern. Grüner
Wasserstoff ist damit nicht nur essenziell für die Klimaneutralität, sondern
auch für neue Wertschöpfung und Beschäftigung. Bis zu 220.000 Arbeitsplätze
werden in Deutschland allein durch die Erzeugung, den Transport und die
Speicherung von Wasserstoff entstehen.

Nicht nur Deutschland, die gesamte Europäische Union arbeitet intensiv am Aufbau
einer grünen Wasserstoffwirtschaft. In ihrem Plan „REPowerEU“, der auf dem „Fit
for 55“-Programm aufbaut, plant die EU-Kommission die heimische Produktion von
10 Millionen Tonnen grünem Wasserstoff und den Import weiterer 10 Millionen
Tonnen bis 2030. Für das Land Niedersachsen birgt diese Entwicklung große
Chancen: Wir sind Windenergie-Land Nr. 1, bauen die Erzeugung von Windstrom
massiv und zügig weiter aus und sind damit in der Lage, den grünen Strom zur
Erzeugung von grünem Wasserstoff in großen Mengen bereit zu stellen. Mit unseren
Seehäfen, allen voran mit dem Tiefwasserhafen in Wilhelmshaven, der an das H2-
Fernleitungsnetz angebunden sein wird, haben wir die Infrastruktur für den
Import großer Mengen grünen Wasserstoffs. Die Entwicklung von
Speichermöglichkeiten für Wasserstoff sind von hoher Relevanz; mit dem Umbau der
aktuell zur Speicherung von Erdgas genutzten Salzkavernen in Etzel zum
Wasserstoffspeicher wurde bereits begonnen. In Wilhelmshaven, wie auch in Stade
können die vorhandenen LNG-Terminals zur Anlandung des grünen Wasserstoffs
umgebaut werden. Beste Voraussetzungen also, um nicht nur Windenergieland Nr. 1
in Deutschland, sondern auch Wasserstoffland Nr. 1 zu werden.Dafür stehen wir
GRÜNEN, im Bund, im Land und auch vor Ort in den Kommunen.

Hochlauf der grünen Wasserstoffwirtschaft

Mit ihrer hohen Technologie- und Ingenieurskompetenz bieten sich unserer
Wirtschaft vielfältige Chancen, an der weitreichenden Wertschöpfungskette für
Wasserstoff zu partizipieren. Neben der Herstellung der Produktionsanlagen oder
einzelner Komponenten ist der Transport des Wasserstoffs über Kontinente und
Ländergrenzen hinweg ein wichtiges Segment. Auch Power-to-X-Technologien, bei
denen erneuerbare Energien in weitere Produkte wie Methanol, synthetisches
Erdgas oder Ammoniak umgewandelt werden, haben großes Potenzial. Zudem ist die
zur Nutzung des Wasserstoffs notwendige Infrastruktur ein wichtiges und
zukunftsträchtiges Marktsegment. Wir GRÜNEN werden entlang der gesamten grünen
Wasserstoff-Wertschöpfungskette die erforderlichen politischen Rahmenbedingungen
schaffen, um den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft in Niedersachsen zu
beschleunigen. Mit dem neuen Klimaschutzgesetz haben wir die Weichen auch für
den schnellen Hochlauf der grünen H2-Erzeugung als eine wichtige Voraussetzung
für die Transformation unserer Energieversorgung und unserer Industrie hin zur
Klimaneutralität gestellt. Bei den Investitionen in eine grüne
Wasserstoffinfrastruktur liegt Niedersachsen bundesweit vorne. Insgesamt planen
Bund und Land eine gemeinsame Förderung in Höhe von rund 2,4 Mrd. Euro, wobei
sich das Land mit erheblichen Summen aus dem Wirtschaftsförderfonds beteiligt.
Für sechs Wasserstoff-Großprojekte in Niedersachsen hat die EU-Kommission im
Januar die beihilferechtliche Genehmigung erteilt. Grüner Stahl, der bereits bei
der Salzgitter AG produziert wird, ist ein Beispiel. Dabei entwickelt sich der
Standort Salzgitter zu einem wichtigen Wasserstoffcluster in Niedersachsen: Im
dortigen Wasserstoffcampus arbeiten neben der Salzgitter AG weitere namhafte
Betriebe wie der Zughersteller Alstom, der die Triebfahrzeuge für die erste
wasserstoffbetriebene Bahnlinie zwischen Buxtehude und Cuxhaven gebaut hat, der
LKW-Hersteller MAN, die Firma Bosch und andere eng mit der Stadt, der
Technischen Universität Braunschweig und dem Fraunhofer IST zusammen. Im
emsländischen Lingen bauen die RWE sowie der Energiekonzern BP zusammen mit dem
dänischen Offshore-Windparkbetreiber Orsted Wasserstoffelektrolyseure mit einer
Gesamtleistung von 400 Megawatt, die mit Windstrom betrieben werden sollen. Das
ist ein Beispiel für eine erfolgreiche grüne Energiewende, da hier die
Infrastruktur eines der drei letzten stillgelegten Atomkraftwerke weiter genutzt
wird und dadurch mit der Transformation große Chancen für
energiewirtschaftlichen Fortschritt ergriffen werden. Wir GRÜNEN unterstützen
diese und weitere Maßnahmen und Vorhaben nach Kräften. Auch in den Kommunen
stehen wir dafür, die Chancen der Energiewende und des Klimaschutzes durch eine
aktive kommunale Wirtschaftsförderung zu unterstützen.

Innovationen fördern, den Fachkräftebedarf sichern

Der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaftsbranche erfordert Innovation, Forschung
und qualifizierte Fachkräfte. Auch dafür hat Niedersachsen mit den Universität
Hannover, der TU-Braunschweig, dem DLR in Oldenburg, der TU-Claustahl, dem
Institut für Solarenergieforschung in Hameln, den im Energieforschungszentrum in
Goslar zusammengeschlossenen Hochschulen und einer ganzen Reihe weiterer
Einrichtungen hervorragende Bedingungen im ganzen Land. Unsere Landesregierung
fördert gezielt interdisziplinäre Wasserstoff-Forschungsprojekte als
Innovationslabore für Wasserstoff insbesondere in den Bereichen
Wasserstoffspeicherung, Konversion in andere Energieformen und Erarbeitung von
Geschäftsmodellen im Bereich der Wasserstoffwirtschaft. Diese Forschung wollen
wir verstetigen und zielgerichtet ausbauen, denn sie sichert nicht zuletzt auch
den erforderlichen Bedarf an hochqualifizierten Fachkräften. Aber nicht nur im
Bereich der Forschung, sondern auch in der praktischen Umsetzung der Projekte
werden Fachkräfte für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft dringend gebraucht.
Dabei werden vor allem Technische Systemplaner*innen, Anlagemechaniker*innen,
Mechatroniker*innen, Chemikant*innen, Elektroniker*innen für
Automatisierungstechnik sowie Fachkräfte für Schutz und Sicherheit gebraucht.
Diese Fachkräfte gilt es gezielt zu gewinnen und durch gezielte
Fortbildungsmaßnahmen weiter zu qualifizieren. Dabei haben unsere
berufsbildenden Schulen, denen eine stärkere Rolle auch bei beruflicher
Weiterbildung zukommen muss, eine große Bedeutung. Wir GRÜNEN stehen dafür,
unsere berufsbildenden Schulen in enger Kooperation mit den Kammern entsprechend
weiterzuentwickeln. Und wir begrüßen die Fachkräfteoffensive des Umwelt-,
Energie- und Klimaschutzministeriums mit allen Beteiligten für die Energie- und
Klimaschutzberufe.

Wasserstoff Kommunal

Grüner Wasserstoff muss grundsätzlich dort eingesetzt werden, wo der
Wirtschafts- und Klimawert am höchsten ist. Die sogenannte „H2-Leiter“ zeigt,
dass grüner Wasserstoff für die Chemieindustrie, etwa zur Herstellung von
Düngemitteln alternativlos ist. Auch für die Stahlindustrie und den
Transportsektor, wie Schiffs- und Luftverkehr, sind grüner Wasserstoff und seine
Derivate künftig wirtschaftlich einsetzbar. Zum Beheizen unserer Wohnungen ist
der Einsatz von grünem Wasserstoff jedoch unwirtschaftlich und macht keinen
Sinn. Hier sind die Direktnutzung von Strom mittels Wärmepumpen sowie
solarthermische Anlagen die effizienteste und beste Technik.

Besonders Kommunen in den ländlichen Räumen, wo die Erneuerbaren und die
notwendigen Flächen verfügbar sind, können die überschüssigen Erneuerbaren in
grünen Wasserstoff speichern und so die kommunalen Niederspannungsnetze
entlasten. Konkrete grüne Wasserstoffpläne liegen jedoch noch nicht vor. Im
Rahmen unserer Landesverband-Energieaktion „Energiewende vor Ort gestalten“
werden wir unsere Kommunalpolitiker*innen dabei unterstützen, die Initiative zu
ergreifen und kommunale grüne Wasserstoffstrategien zu entwickeln. Ferner sollen
neue sinnvolle Einsatzfelder, wie etwa in Kläranlagen, erschlossen werden. Auf
diese Weise sorgen wir dafür, dass die richtigen regulatorischen
Rahmenbedingungen entlang der gesamten H2-Wertschöpfungskette innerhalb der
Kommunen geschaffen werden.

Wasserstoffnetz

Eine ausreichende Anbindung an Strom- und Wasserstoffnetze ist zukünftig eine
entscheidende Voraussetzung für energieintensive Betriebe. Im Sinne der
Daseinsfürsorge ist es Aufgabe des Staates, dafür zu sorgen, dass keine
abgehängten Regionen entstehen. Der Zugang zu den Energieträgern der Zukunft
muss flächendeckend bereitgestellt werden. In den Planungen der
Bundesnetzagentur zum Wasserstoffkernnetz sind Ost- und Südniedersachsen bislang
ohne Anbindungsleitungen. Das Wasserstoffkernnetz entspricht den zukünftigen
Wasserstoffautobahnen. Wir GRÜNE setzen uns dafür ein, dass mit den nächsten
Stufen der Wasserstoffnetzplanung alle Niedersächsischen Regionen einen
adäquaten Wasserstoffzugang erhalten.

Beschluss der Landesdelegiertenkonferenz von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Niedersachsen am 13./14. April 2024 in Oldenburg